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Immerhin kenne ich jetzt seinen Vornamen

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[Triggerwarnung: Tod, Einsamkeit]

Es könnte ja sein, dass er im Urlaub sei, meint die Polizistin am Telefon. Das sei mir schon bewusst, antworte ich. Aber wir wüssten nicht, was wir jetzt machen sollten. Unser Nachbar wurde seit längerem nicht mehr gesehen, wiederhole ich. Sein Briefkasten quelle über. Sein Auto steht seit Wochen falsch geparkt vor der Tür im und sammle Knöllchen. Das sei alles unüblich. Man lese ja manchmal von Menschen, bei denen niemand mitbekommen hat, dass etwas passiert sei. Ich kann ihr jetzt nur sagen, dass wir uns als Mitmieter wundern und es wirkt, als würde etwas nicht stimmen. Sie müsse jetzt entscheiden, wie sie damit umgehe.

Kurz ist Pause. Mir ist das Telefonat unangenehm. Ich komme mir wie ein Bittsteller vor. Es ging heute plötzlich alles so schnell. Morgens noch chatteten wir mit den NachbarInnen und stellten gemeinsam fest, dass wir den Nachbarn schon länger nicht mehr gesehen haben und dies und das merkwürdig sei. Etwas überfordert haben wir sogar den Vermieter per E-Mail angeschrieben, der uns darin bekräftigte, die Polizei einzuschalten. Da Polizeikontakt immer zeitraubend ist, biete ich an, abends, nachdem die Kinder im Bett sind, 110 anzurufen. Nun sitze ich also Freitag Abend gegen 21 Uhr da und versuche, den richtigen Ton anzuschlagen. Man will ja nicht wie ein übereifriger Nachbar wirken. Und vielleicht ist ja auch nichts passiert. Wer weiß das schon.

Die Pause hat gewirkt. Die Polizistin hat sich offenbar einen Ruck gegeben. Ok, sie werde eine Streife vorbeischicken. Als würde sie mir damit einen persönlichen Gefallen tun. Es könne eine Weile dauern. Ich solle bitte erreichbar bleiben. Ich gebe noch einmal die genaue Adresse durch und buchstabiere den Nachnamen des Nachbarn. Nein, den Vornamen kann ich ihr leider nicht geben, denn den weiß ich nicht. Krass. Wir wohnen zehn Jahre hier und ich weiß seinen Vornamen nicht. Ich schüttle über mich selbst den Kopf. Wie oft habe ich ihn im Hausflur gesehen in den zehn Jahren? Hundert Mal? Zweihundert? Immer ging er still, kurz freundlich grüßend mit seinen um die vierzig Jahren die Treppen hoch. Nie beschwerte er sich über etwas. Nie sagte er was. Er war einfach immer da.

Ich bin ein wenig erleichtert, dass das Telefonat geschafft ist. Ich rechne damit, dass zwei, drei Stunden später eine Streife vorbeikommt, zwei mäßig interessierte PolizistInnen mal nach dem Rechten sehen und später versuchen, telefonisch Verwandte zu kontaktieren. Während ich auf die Streife warte, gehe ich nochmal die Fakten durch. Mehreren NachbarInnen ist aufgefallen, dass er seit Wochen nicht mehr zu sehen war. Die letzten Male, die man ihn auf der Straße sah, wirkte er kränklich. Der Briefkasten quillt über. Das Auto steht falsch geparkt vor der Tür. Im Regen konnte ich die Zettel unter dem Scheibenwischer schlecht lesen. Ein Knöllchen und ein scheinbar älterer handschriftlicher Zettel, ob er das Auto vielleicht verkaufen wolle. Bis heute wusste ich gar nicht, dass es sein Auto ist. Ein sportlicher Ford-Coupet mit weißen Ledersitzen. Hätte nie gedacht, dass das sein Auto ist. Aber heute fällt mir überhaupt das erste Mal das leicht extravagante Auto auf, das offenbar seit Wochen direkt vor unserer Tür geparkt ist.

Die Milch der Nachtwache.

Seit dem Anruf ist keine Viertelstunde vergangen. Ich sehe aus dem Fenster und überlege, ob es wirklich richtig war, den Notruf zu verständigen. Plötzlich halten ein großer Feuerwehrwagen, ein Rettungswagen und ein Polizeiauto vor unserem Haus. Eilig steigen viele Einsatzkräfte aus. Die Feuerwehrmänner tragen schweres Gerät. Kurz denke ich noch, was da jetzt wohl los sei, weil es nicht zum ablehnenden Ton der Polizistin am Telefon passte. Aber sie hatte es sich wohl anders überlegt. Im Hausflur ist es laut und fast ein Dutzend Männer eilt in die obere Etage. Ich öffne die Wohnungstür und spreche einen Feuerwehrmann an. Ja, ich hätte angerufen. Es sei die Wohnung rechts, nicht die daneben, wo der Name etwas ähnlich klingt. Noch einmal soll ich kurz alles zusammenfassen. Währenddessen wird heftig an die Tür des Nachbarn geklopft und gerufen. Ob es einen Balkon oder anderen Zugang gäbe, werde ich gefragt. Ob ich einen Schlüssel hätte. Während die vielen Menschen da vor der Tür stehen, will ich „Halt“ sagen, denn gleich werden sie wohl die Tür aufbrechen und dann ist es meine Schuld.

Ein Polizist kommt und nimmt meine Personalien auf. Wie alt der Nachbar denn sei? So um die vierzig schätze ich. Jedenfalls nicht sehr alt. Ob er gesundheitliche Probleme hätte? Das wisse ich nicht. Aber er habe schon oft mal eine Kiste Bier mit nach oben getragen. Ich komme mir wie eine Petze vor. Die Feuerwehrmänner nicken wissend. Welches genau sein Auto sei? Ich wundere mich, wie wenig Polizisten eigentlich wissen, während er auf einem Block kariertem Papier, für den er unbequem seinen Schenkel als Unterlage benutzt, Notizen macht. Er werde jetzt andere NachbarInnen befragen sagt er und geht. Die Rettungssanitäter setzen sich auf ihre Taschen und warten. Ich stehe noch immer eine halbe Treppe tiefer. Ich will gar nicht dabei sein. Man beratschlagt, wie man die Altbau-Dppelflügeltür aufbekommt. „Probier es mit der Karte“, höre ich. Und „Ok, hast Du gut gemacht. Du hast es versucht. Jetzt müssen wir sie aufbrechen“. Ich gehe zurück in unsere Wohnung. Die Situation überfordert mich.

Es rummst im Hausflur. Ich rechne damit, dass gleich nochmal ein Polizist vor der Tür steht, mir erklärt, dass niemand da sei, ein Urlaubsprospekt auf dem Tisch läge und man jetzt alles umsonst gemacht hätte. Doch es bleibt geschäftig im Hausflur. Aus dem Fenster sehe ich, wie die Rettungssanitäter das Haus wieder verlassen. Einer zieht sich die Handschuhe aus, desinfiziert sich die Hände und scheint kurz durchzuatmen, bevor er ins Auto steigt. Durch den Hausflur schwirren weitere Wortfetzen. Ob er mal riechen kommen wolle, fragt jemand seinen Kollegen. Ich ahne, dass der Anruf nicht umsonst war. Die Haut sei schon ledrig, heißt es Minuten später. Mir wird übel.

Es geht weiter auf und ab. Ein Polizist fragt mehrfach seine Kollegen, ob er jetzt wirklich dableiben müsse, um aufzupassen. Man könne die Tür doch schließen. Der Notarzt brauche noch Stunden, weil er in Brandenburg unterwegs sei. Doch man stellt offenbar den jüngsten Kollegen gegen seinen Willen ab. Man könne die Wohnung nicht unbeaufsichtigt lassen. Zwischendurch klingelt es bei uns und man stellt mir nochmal einige Fragen. Es ist jetzt klar: Der Nachbar ist tot. Seine älteste Post ist drei Monate alt. Seit wahrscheinlich drei Monaten liegt er da. Mumifiziert. Neben seinem Staubsauger. Um die vierzig. Niemandem ist es aufgefallen.

Die Wohnung neben ihm wird seit letztem Jahr über AirBnB vermietet. Nachts klingelt es oft, wenn irgendwelche verplanten Menschen nicht wissen, wie sie ins Haus kommen, um die Wohnung zu erreichen. Wenn sie wüssten, dass sie neben einer Leiche geschlafen haben. Kurz denke ich, dass einem richtigen Neben-Mieter vielleicht viel früher aufgefallen wäre, dass etwas nicht stimmt. Doch das ist vielleicht nur eine Ausrede, dass es mir nicht schon früher aufgefallen ist.

Das Polizeisiegel

Am nächsten Tag steht im Hausflur eine leere Packung Kakaomilch. Offenbar Nervennahrung des Polizisten. Ich kann ihm nicht verübeln, dass er seinen Müll nicht mitgenommen hat, nachdem er stundenlang Wache halten musste. An der Wohnungstür klebt jetzt ein Polizeisiegel. Ob sie ein neues Schloss eingesetzt haben? Vorm Haus steht immer noch das Auto. Was damit wohl geschehen wird?, überlege ich. Wie lange wird es da noch stehen? Und ob wir jemals erfahren werden, was eigentlich passiert ist? Wahrscheinlich nicht. Niemand wird klingeln und die Geschichte des Nachbarn erzählen. Seine Wohnung wird einfach leer sein. Der Vermieter kann sie endlich sanieren und teuer neu vermieten. Vielleicht ja noch eine AirBnB-Bude. Das Haus wird ihn vergessen. Immerhin weiß ich jetzt seinen Vornamen. Und werde ihn auch nicht mehr vergessen.

p.s.: Grüßt mal wieder Eure NachbarInnen.


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Der Beitrag Immerhin kenne ich jetzt seinen Vornamen erschien zuerst auf Leitmedium.

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moschlar
4 days ago
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Zehn Vorteile der elektronischen Steuererklärung

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Etwa jeder Zweite braucht keine Papierformulare mehr, sondern erledigt die Steuererklärung digital. Bild: Illustration: Martin Haake

Die Abgabefrist für die Steuererklärung rückt näher. Wer noch zu Papierformularen greift, sollte das überdenken. Die digitale Variante bietet große Vorteile

Artikel lesen in wiwo.de

Dieser Beitrag Zehn Vorteile der elektronischen Steuererklärung wurde im ElsterBlog (ElsterBlog) veröffentlicht.

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moschlar
19 days ago
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Mütter: Warum wir keine Elternzeit genommen haben

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Man kann nicht immer Elternzeit nehmen. Wegen des Geldes nicht und auch weil man dafür sorgen muss, dass es einem gut geht.

„Klar hätte mein Mann es lieber gesehen, hätte ich wenigstens die zwei Müttermonate genommen.“

Sandy Griesbauer, 34 Jahre, Softwareentwicklerin, Mutter eines fünf- und eines zweijährigen Sohnes:

Als ich das erste Mal schwanger wurde, habe ich mit vielen Müttern Gespräche über das Elternsein gesucht. Dabei fiel immer wieder ein Satz: „Die wichtigste Aufgabe der Eltern ist es, dafür zu sorgen, dass es ihnen selbst gutgeht.“ Das heißt: Nur wenn wir Eltern ausgeglichen und zufrieden sind, können es auch unsere Kinder sein. Mit dieser Erkenntnis im Rücken wurde mir ziemlich schnell klar, dass ich nicht in Elternzeit gehen würde. Ich mache meinen Job nämlich unheimlich gerne und könnte es nur schwer ertragen, müsste ich ihn für längere Zeit an den Nagel hängen. […]

Klar hätte mein Mann es lieber gesehen, hätte ich wenigstens die zwei Müttermonate genommen. Aber finanziell hätten wir das definitiv zu spüren bekommen, einfach weil ich besser verdiene als er. […] Mit null Verdienstausfall hätte ich mich vielleicht darauf eingelassen. Vielleicht aber auch nicht. […] Das ist eben meine Art und Weise, für meine Familie zu sorgen: indem ich darauf achte, dass es mir gutgeht. […]

Der oben kopierte Text ist einer aus drei Berichten aus dem Artikel „Väter: Warum wir keine Elternzeit genommen haben„. Ich habe lediglich Vater/Mutter und den Namen angepasst.

Man stelle sich solche Statements in einem Artikel von einer Frau vor. Wie sähen wohl die Reaktionen in den Kommentaren aus?

„Ganz ehrlich, warum schaffen Sie sich denn dann überhaupt Kinder an?“

„Wenn Sie nicht bereit sind, für ihre Kinder kurz zu pausieren, dann muss man sich schon fragen, was Ihnen Ihre Kinder wert sind.“

„Was Sie da äußern, klingt total egoistisch!“

„Die armen Kinder!“

„Rabenmutter!“

„Wenn man 5.000 Euro netto verdient, kann es doch kein Argument sein, vorübergehend auf die Höchstgrenze von 1.800 Euro Elterngeld zurück zu fallen. Da kann man durchaus auch voraus sparen, um die Zeit zu überbrücken, oder?“

„OK, nicht gleich die ersten Lebensmonate Elternzeit nehmen, weil da der Vater wichtiger für das Baby ist… aber Elternzeit geht ja bezahlt 14 Monate – warum also nicht wenigstens die letzten beiden Monate?“

„Noch nie von Elterngeld PLUS gehört? Das sind doch alles nur faule Ausreden.“


307 Kommentare hat der oben verlinkte Artikel bislang. Ich ergänze hier mal die besten Kommentare verständnisvoller Männer Frauen:

„Warum? Weil es schädlich für die Karriere ist! Weil eine Frau keine Elternzeit nimmt! […]*

„Warum nehmen Frauen keine Elternzeit? Weil Männer auf sozial hochgestellte Frauen fixiert sind, so dass man es sich als Frau gar nicht leisten kann in Elternzeit zu gehen. Man kann sich eine Auszeit oder gar ein Hausfrau-Dasein nicht leisten, weil man sonst den Partner samt Kindern zu verlieren würde.[…]*

„Wisst ihr, zwischen Männer und Frauen gibt’s genetisch und memetisch bedingte biologische Unterschiede u. Rollenverteilung.
Nicht alles kann man mithilfe Hirnwäsche umprogrammieren, aus einem Tiger macht ihr wahrscheinlich auch keinen Vegetarier.*

Lesen Sie als nächstes einen Artikel über Material äh Paterial Gatekeeping und warum sich Väter Mütter, die sich dann nach 12 Lebensmonaten ihrer Kinder doch einbringen wollen, darüber klagen, dass der Vater sie nichts machen lässt, weil sie so ungeschickt beim Windeln wechseln sind und ihren Kindern aus Unwissenheit bei 39Grad Außentemperatur Gummistiefel anziehen. Ach ne, das waren ja die Idiot-Moms. Es ist kompliziert.

Und ganz am Ende würde ich wirklich gerne mal einen Artikel lesen, der nicht drei unabkömmliche Karrieristen befragt, die ins Feld führen, dass sie ja drei Mal so viel netto verdienen, wie sie in Elternzeit Elterngeld bekommen können und wie schwer es ist, ihren Kredit auf das Haus abzuzahlen und sich trotz Elternzeit den Jahresurlaub im Hotel leisten können. Das ist dermaßen ermüdend.

Neu: Micropaying-Dienste sind tot. Du kannst mir aber was spenden, damit ich weiterhin den Ostflügel meiner 200m2 Wohnung bewirtschaften lassen kann, obwohl ich zwei Mal 12 Monate Elternzeit genommen habe. Noch toller: Wenn Du keine Elternzeit genommen hast, weil das Familieneinkommen sonst auf unter 5.000 Euro netto… na gut, lassen wir das. Dann kannst du einfach nichts spenden.

Der Beitrag Mütter: Warum wir keine Elternzeit genommen haben erschien zuerst auf Das Nuf Advanced.

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moschlar
21 days ago
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Mainz, Deutschland
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Was den Traditionshandel wirklich getötet hat und warum das nette kleine Geschäft gar nicht so tot ist wie man glaubt

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Was den Traditionshandel wirklich getötet hat und warum das nette kleine Geschäft gar nicht so tot ist wie man glaubt

Ich habe gestern über einen bestimmten Aspekt des Einkaufens geschrieben, nämlich den Normalfall: Der ganz normalen, unspektakulären Vorratskauf, den man immer und immer wieder machen muss, damit was zum Essen im Haus ist, man regelmäßig Duschen und Zähne putzen und immer frische Socken anziehen kann. Die Einkäufe, die man schnell hinter sich bringen will, damit man wieder Zeit für die Dinge im Leben hat, die einem Spaß machen. Lesen, Sport, spazieren gehen, liebe Menschen treffen, Klavier spielen...

...und auch mal ganz gemütlich bummeln und schöne Dinge shoppen gehen.

Wenn man mal absieht von den 80% Einkaufen gehen, weil man muss, gilt nämlich auch: Ich mag durchaus Shoppen - also das, wo ich mir im Gegensatz zum Einkaufen was gönne - oder es zumindest vorhabe. Ich gehe sogar gerne mit Freundinnen mit, wenn sie nach neuen Klamotten suchen. Das stresst mich dann auch überhaupt nicht, denn ich selbst brauche ja nichts. Ich flaniere gerne, ich stöbere in Buchläden, probiere Sachen an, quatsche mit Verkäuferinnen und Verkäufern im Schreibwarenladen über Polychromosstifte und Papiersorten. Und selbstverständlich ist es so, dass sich die Innestädte hier in den letzten vierzig Jahren stark verändert haben. Nur hat der Online-Handel damit zunächst mal überhaupt nichts zu tun.

Das "Innenstadtsterben" - und vielleicht muss man dafür auch wieder älter sein, um das zu wissen - ist nämlich nicht neu und wurde schon in den Achtzigern thematisiert. Die immer gleichen Ketten und Kaufhäuser übernahmen mit den aggressivsten Methoden, die man sich vorstellen kann, die Fußgängerzonen so dass es heute keinen Unterschied macht ob man die Frankfurter Zeil oder die Kölner Schildergasse lang geht. Öffentliche Plätze, freie Sitzgelegenheiten und andere Möglichkeiten der nichtkommerziellen Nutzung der Innenstadtbereiche wurden rigoros abgebaut weil die Leute ja gefälligst ihr Geld ausgeben und nicht herumlungern sollten. Flick und andere teils hoch korrupten Bauhaie bauten überall ihre Einkaufspassagen hin, die ein paar Jahre später der Reihe nach Pleite gingen. Das hat die Innenstädte schon lange bevor das Internet überhaupt in Deutschland Einzug gehalten hat, massiv zerstört und die "Traditionsgeschäfte" entweder direkt vertrieben oder ab diesem Zeitpunkt in eine prekäre Lage gebracht, in der sie sich zwar noch eine Weile hielten und zum Teil noch halten, aber nur unter immensen Mühen und dem Dauerstress des Unternehmens, dem ständig die Luft knapp ist.

Der Online-Handel hat da nicht mehr viel ausrichten müssen. Sicher hat auch der disruptiv gewirkt - vor allem da, wo Waren irgendwann nicht mehr auf Medien gekauft werden mussten wie Musik, Filme, Software, Bilder usw. Aber dieses tolle Spielzeugfachgeschäft an das man sich so wehmütig erinnert ist schon lange vorher von Großmärkten, Kaufhäusern und Toys'R'Us  aufgerieben worden.

Der zweite Grund für den Untergang von Fachgeschäften ist auch schon seit den Neunzigern ein Thema, nämlich dass immer mehr Dinge erstens nicht mehr aus neutralen Einzelteilen bestehen und zweitens gar nicht mehr vom Laien repariert werden können. Konsequenterweise begannen die Hersteller auch noch selbst, ihre eigenen exklusiven Marken-Läden in die Einkaufsstraßen zu pflanzen. Die Eisenwaren- und Elektronikläden mit den mürrischen aber fachkundigen Besitzern, die einem eine Schraube für ein defektes Gerät auch mal zurechtfeilten verschwanden somit nicht, weil man im Internet einfacher bestellen kann. Sie verschwanden schon vor dem Internet und man bestellt inzwischen Elektroteile online, weil man sie einfach nirgends anders mehr her bekommt. 

Wenn Gemeinden oder Städte hier nicht bewusst steuernd eingreifen, sterben die Einkaufsbereiche durch ganz altmodische unfaire Wettbewerbsmethoden: Ketten drängen die Einzelgeschäfte mit schönen Angeboten an Vermieter, durch Einkaufsrabatte ermöglichte Kampfpreise und auch schlichte Drohungen ("jetzt kriegen Sie noch was für Ihren Laden, wenn wir aber gegenüber eine Filiale eröffnen..") in Nebenstraßen, wo es keine Laufkundschaft gibt bis sie auch dort langsam verschwinden. Da ist kein Digitalisierungs-Menetekel nötig. Das hab ich in schon Anfang der Neunziger in Städten wie Pforzheim, Stuttgart und Karlsruhe live gesehen. Das ging ganz gut ohne Online.

E-Commerce, Amazon und Co bedroht aber dennoch jemanden, das ist aber nicht der "Traditionshandel", sondern jetzt geht's den Ketten-Filialen an den Kragen und da hält sich mein Mitleid in Grenzen. Es gibt halt immer den nächst größeren - oder geschickteren - Fisch. Das Fressen-und-Gefressen-Werden-Spiel haben die dreißig Jahre ganz gut selbst gespielt (und dass Medien den bei LeseIrnnen schöner klingenden Tante Emma Laden zum Online-Opfer erklären liegt vielleicht daran, dass besagte Ketten immer noch gute Anzeigen-Kunden sind).

Hin und wieder wurde aber eingegriffen. Manchmal rechtzeitig, manchmal nur halbherzig, manchmal war auch einfach Glück und Zufall im Spiel. Jedenfalls gibt es neben den komplett verödeten Pforzheims dieses Landes auch Städte, Gemeinden und Dörfer mit halbwegs okayen bis sehr gesunden Innenstadt-Leben. Ich habe das dieses Jahr mit Freude in Regensburg gesehen und in Neustadt and der Weinstraße. Ich sehe das auch hier in Köln. Natürlich kann man sich da die Hohe Straße und die Schildergasse schenken - Kaufhof, P&C, Deichmann, jeder Telcoanbieter, Media Markt, H&M, Pimkies, Zara und wie sie alle heißen... so austauschbar und öde wie in jeder anderen Stadt auch. Aber dann geht man halt ins Belgische Viertel und findet dort ein schönes Geschäft neben dem anderen. Kleine Buchläden, ungewöhnliche Klamotten, ausgefallener Sportkram, alles da. Und dazwischen Plätze mit Sitzbänken unter Bäumen und gemütliche Kneipen oder kleine Cafés. Ich hab zwar keine Ahnung, wie das dort entstanden ist, aber irgendwie hat irgendwer dort was richtig gemacht.

Wenn mans weniger alternativ haben will und mehr so gemütlich, kann man nach Nippes. Auch da gibts die schönen Plätze und kleinen Geschäfte. Und wenn mans doch wieder richtig kommerziell mit Marken und schick und bling haben will, aber trotzdem das Fachgeschäft sucht, gibts die Gegend um die Ehrenstraße. Das sind alles Ecken, in denen ich gerne mal mit etwas Zeit hingehe und vielleicht kauf ich mir ein Paar Schuhe, vielleicht ein Buch, vielleicht eine Jacke und vielleicht auch gar nichts sondern trinke zwischendurch 'nen Kaffee oder ein Kölsch.

Das kann Online mir nicht bieten. Dazu muss ich aus dem Haus und dort hin gehen. Aber dazu muss es dieses "dorthin" eben auch geben und wenn man dann mal genauer hinschaut gibt es sie auch: Die sind schon da, die schönen kleinen Läden in Regensburg und Neustadt, im Belgischen Viertel und überall sonst, wo sich entweder offiziell oder privat mal darum gekümmert wurde, wieder eine Struktur für den kleinen Einzelhandel zu schaffen. Und es gibt auch neue Geschäftsideen wie Popupstores, die wiederum unterstützt werden von lokalen News- und Online-Angeboten, die solche kleinen Läden und Szenen sichtbar und findbar machen. Es gibt oft genug sogar Online-Shops für die Menschen, die z.B. mal in einem Laden waren, aber nicht aus der Gegend sind. Ich habe schon tolle 1890er Larp-Klamotten bei einem kleinen Händler auf dem Fantasy-Markt in Speyer entdeckt und die passende Hose, die sie nicht da hatten, hinterher bei ihnen online bestellt. Das geht ganz prima, diese Offline und Online. Das muss sich nicht immer fressen, das kann sich auch prima ergänzen.

Überhaupt, Stichwort Märkte. Online kann nur gegen Dinge konkurrieren, deren Offline-Version von Menschen als anstrengender, lästiger oder hinderlicher empfunden wird. Das sieht man zum Beispiel an Flohmärkten. Natürlich gibt es eBay, aber es gibt auch immer noch Flohmärkte, weil eBay eben keine Konkurrenz zu Flohmärkten ist, auch wenn es sich da vordergründig um genau das Geschäftsmodell handelt wie bei einem Flohmarkt. Es wird aber nie den Flohmarkt ersetzen können, weil zum Flohmark das herumstöbern, anfassen und sich überraschen lassen gehört. Der Flohmarkt ist ein Event. Er hat ein Flair und eine Stimmung und wegen der gehe ich da hin.

Dasselbe ist mit Innenstädten. Wenn sie eine Stimmung und ein Flair hat, geht man da hin.

Wenn man nur was bestimmtes einkaufen muss, nicht mehr unbedingt.

Man kann also weiter über Amazon schimpfen oder für Gründe sorgen, dass Menschen wieder gerne in die Innenstädte gehen. 

Und wenn man eine These sucht, die hinter diesen zwei Artikeln steht ist es die, dass der Mensch unterschiedliche und sich eventuell widersprechende Dinge möchte - im Falle des Kaufens von Dingen einmal ein Angebot für das einfache und bequeme Wegarbeiten von lästigen Verpflichtungen und einmal ein schönes oder überraschendes Freizeit-Erlebnis -, aber unsere Kommerz-Dynamiken oft zu schlecht darin sind, für mehrere Bedürfnisse gleichzeitig Lösungen anzubieten.

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moschlar
23 days ago
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Nicht Amazon macht den Traditionshandel kaputt, sondern Leute wie ich, und ich bin kein Millennial

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Nicht Amazon macht den Traditionshandel kaputt, sondern Leute wie ich, und ich bin kein Millennial

Ich lese ja seit 20 Jahren schon, das "Internet macht die kleinen Geschäfte kaputt". Ich las auch schon vor 40 Jahren, dass Supermärkte und Großmärkte die Tante Emma Läden vernichten. Die anonymen, kalten Konzerne vernichten das Einkaufserlebnis: kein persönliches Gespräch mehr mit der netten Verkäuferin hinter dem Schalter, die immer noch ein paar gute Ratschläge hat, was man mit der Packung Gries noch alles anstellen kann. Kein gemütlicher Bummel durch die sonnige Innenstadt über die Flaniermeile, auf der einem lächelnde Menschen begegnen und sich einen schönen Tag wünschen. Keine haptischen Extasen weil man Waren anfassen, Bücher blättern, Stoffe fühlen und Blumen riechen kann. Das ist, was in Gefahr ist. Was schon fast verschwunden ist und was gerettet werden muss, jetzt zur Abwechslung mal wieder vor dem bösen Amazon.

Ich erzähl euch jetzt mal, warum man einkaufen geht: Man braucht Sachen - Nahrungsmittel, Waschkram, Klamotten. Oder man möchte bestimmte Sachen: Ein Buch, Musik, eine warme Winterjacke. Dann geht man los und kauft diese Sachen ein - dabei achtet man darauf, dass Preis und die Qualität im Verhältnis der eigenen Ansprüche an beides steht. Dann geht man nach Hause und räumt die Sachen da hin, wo sie hin gehören. Fertig. Das macht man bei den allermeisten Sachen, die man kauft, regelmäßig. Ich bin jeden zweiten Tag im Supermarkt, weil er vor der Haustür ist und ich mir daher den Luxus erlauben kann, in 15 Minuten eingekauft zu haben, ohne ein Auto zu brauchen und ein mal die Woche zum Großmarkt zu fahren, wie es meine Eltern noch taten - weil der Tante Emma Laden nunmal keine fünfköpfige Familie für eine Woche komplett mit Vorräten ausstatten kann.

Ich denke beim ganz normalen Einkauf - den Einkauf, den man immer und immer wieder macht - nicht ein einziges mal "Ach! Wie schön wäre es, wenn ich jede einzelne Ware, die ich brauche, bei einem Schalter bestellen würde oder mich darüber mit netten Verkäufern und Verkäuferinnen unterhalten könnte. Verdammt, Amazon hat mir das kaputtt gemacht." Nein, ich denke "Hoffentlich gibt's keine Schlange an der Kasse." und mir ist schon die Frage nach der Paybackkarte zu viel lästige Konversation. Ich habe keinen Spaß beim Einkaufen. Ich spüre da keine Freude. Einkaufen ist kein Erlebnis. Einkaufen ist wie Wohnung putzen. Wenn ich eine Möglichkeit bekomme, diesen Vorgang noch schneller, einfacher und effizienter zu gestalten, dann mache ich das. Da ist nichts, was ich vermissen würde.

Sprich: Die ganze Argumentation basiert seit 40 Jahren auf einer falschen These, nämlich der, dass Einkaufen Spaß macht.

Was Großmärkte, Supermärkte, das Internet, Amazon tun, ist genau das, was ich möchte: Sie erleichtern mir Dinge, die mir lästig sind. Sie sorgen dafür, dass ich nicht in zig verschiedene Läden muss, erleichtern mir das Bezahlen (möglichst ohne vorher noch zur Bank zu müssen) und lassen mich schneller zu Dingen zurückkommen, die mir wirklich Spaß machen und die ich tatsächlich tun möchte.

Daher: Ja, Tante Emma Läden sind in der Theorie herzig. Ich bin aber noch nie in meinem Leben für den täglichen Einkauf in einen Tante Emma Laden gegangen und werde das auch nie freiwillig tun. Ich gehe auch nicht einkaufen, um Menschen zu treffen. Ich möchte auf keinen Fall von Verkäufern angequatscht werden und gehe daher nur im Notfall in kleinere Läden - dann aber sehr bewusst und mit viel Zeit. Ich kaufe Hosen im Klamottenladen und Schuhe im Schuhladen, weil ich die anprobieren muss. Ich kaufe ansonsten alles online, sobald online einfacher ist als offline.

Und morgen schreib ich, wann ich wirklich Spaß am Einkaufen habe. Und wer wirklich die Innenstädte kaputt gemacht hat. Und es ist immer noch nicht das Internet oder Amazon. Ein Tip schon mal im Voraus: Es gibt seltsamerweise immer noch Flohmärkte, trotz eBay.

 

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moschlar
23 days ago
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Die ekligen Ausnahmen

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Ich kann nach wie vor nicht leugnen, dass ich mit meiner Kundschaft im Wesentlichen zufrieden bin. Nicht dass ich allen Fahrgästen gerne mal im Swingerclub unerwartet begegnen wollen würde, aber das lässt sich ja meist auch über die eigene Nachbarschaft sagen, mit der man dann dennoch seit drei Jahrzehnten zumindest stressfrei Tür an Tür wohnt.

Aber es gibt halt auch die anderen.

Zwei davon habe ich mir vor meiner Haustüre eingefangen. Natürlich hätte ich sie ablehnen können, weil sie völlig besoffen waren. Oder zumindest weil sie ihre Getränke mitnehmen wollten. Nicht getan hab ich das, weil ich zum einen recht stolz drauf bin, als Taxifahrer kein Rosinenpicken zu betreiben und zum anderen, weil sie erst einmal relativ nett waren. Aber ja, es waren Arschlöcher.

Taxibezogen waren sie halbwegs witzig, weil sie sich uneins waren, ob sie nun einen Umweg über eine Bank fahren wollen und das am Ende tatsächlich dazu führte, dass die Tour für das Einsparen der Bankgebühr von fünf Euro um mindestens sechs Euro verlängert wurde. Aber so clever sind sie halt, die Nazis von nebenan.

Arg szenetypisch haben sie sich nicht einmal geäußert während der Fahrt, mir ist eher aufgefallen, wie sie sich wegen der Fahrtstrecke ständig mit niveauvollen Ich-fick-deine-Mutter-weil-du-so-dumm-bist-Sprüchen im gegenseitigen Blödsein bestätigt haben. Aber dann kam halt irgendwann der Punkt, an dem der für den Umweg verantwortliche Chefidiot mich gefragt hat, ob ich nicht auch „Rock’n’Roll“ hören würde und mir anschließend zwei fast schon peinlich bekannte Nazibands benannt hat, die er gut findet. Um mir anschließend auf dem Handy einen „total geilen Song“ eines mir unbekannten Interpreten vorzuspielen, der mit einem für Grundschulkinder zu simplen Humor davon schwärmt, jetzt erst recht Dieselautos zu fahren – wobei ich ungelogen froh sein konnte, dass mir der Typ nicht vor Lachen den Beifahrersitz vollgepinkelt hat.

Aber ja, so sehen sie aus, die AfD-Wähler von gegenüber. Die mir nicht einmal Raum für eine Anmerkung lassen und mir am Ende einen Fünfer Trinkgeld geben, weil ich „auch Marzahn! Geilo!“ bin, weil in ihrer Welt Herkunft und/oder Wohnort und Meinung eines sind.

(Was mich im Übrigen offenbar auch besser macht als Steffi – die Hure! – die „eh Schalke-Fan is“)

Ich hasse den Dunning-Kruger-Effekt dafür, dass solche Menschen glücklich sein können. Ehrlich und aufrichtig. Und ja, ich bereue es sogar, ihnen nicht die Fresse poliert zu haben für den rassistischen Dreck, den sie dann beim Ausstieg unbedingt noch loswerden mussten. Ebenso aufrichtig. Aber in der Hellersdorfer Prärie alleine zwei Nazi-Hools aufmischen ist leider was, was ich an die ortsansässige Antifa outsourcen muss, während ich arbeite.

PS: Liebe Antifas in MaHe, wir können uns gerne über eine Zusammenarbeit verständigen, meine Nummer ist bekannt!

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moschlar
48 days ago
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