Die Schlagzeile „15-Jähriger klaut Linienbus – und fährt Freundin zur Schule“ im vergangenen Monat ist mir im Kopf geblieben. Ich fand das irgendwie lustig und herzig – vielleicht auch weil alles gut ging, der Bus keine Kratzer hatte und keine Menschen verletzt wurden. So lässt sich dieser Vorfall leicht romantisieren und natürlich bin ich sehr froh, dass nicht eines meiner Kinder diese Idee hatte.
Allerdings dachte ich, als ich das erste Mal von diesem Vorfall las: „Teenager, man muss sie einfach lieben!“ und das meine ich nicht ironisch.
Ich liebe sehr vieles am Teenagergemüt. Die überschäumende Energie, der Experimentierdrang, der Glaube, dass es kein Limit gibt, dass alles möglich ist. Die Scheißegalhaltung manchen Dingen gegenüber und der Wille alles anders zu machen und auf den Kopf zu stellen. Ich liebs einfach.
Und hier passt das Wort Ambiguitätstoleranz auch so schön. Also die Fähigkeit Widersprüche und mehrdeutige Informationen zu ertragen. Denn natürlich finde ich all das auch manchmal gleichzeitig anstrengend und nervig und es macht mir angst. Denn wenn Jugendliche manchmal glauben „Ach, das sind nur 6 Meter, da spring ich einfach runter“, dann kann das natürlich auch richtig schief gehen.
Als Mutter fühle ich mich oft herausgefordert und kann mich schlecht zurückhalten nicht ständig meine Bedenken zu etwas zu äußern. Auf der anderen Seite arbeite ich aber auch wirklich hart daran, nicht alles zu kommentieren, schlecht zu machen oder zu entmutigen, denn nur weil ICH etwas nicht kann, nur weil ICH etwas für unwahrscheinlich halte, heißt das ja noch lange nicht, dass eine andere Person, das nicht kann oder möglich machen kann.
Das Gegenteil vom Teenager-Mindset ist ja dieses Behördenklischee: „Das haben wir noch nie so gemacht! Also machen wir es für alle Zeiten auf diese und keine andere Weise!“ (oder fangen gar nicht erst an) und das geht mir sehr auf den Senkel. Wenn man Möglichkeiten auslotet und sich nur Bedenkenträgern gegenüber sieht, die alle Argumente kennen warum etwas NICHT funktioniert.
Vielleicht finde ich das auch so ermüdend weil in mir vieles schon so geschwächt und schlaff ist. Vielleicht habe ich Angst, dass Bedenkenträger meinen letzten Hauch Lebensfrohsinn zertreten und vielleicht finde ich es deswegen so toll mich mit Teenagern zu unterhalten, für die alles lowkey und easy finden.
Ich wünsche mir auch von Herzen innerlich zu spüren „10 km joggen? Das schaffe ich ohne Vorbereitung!“, „Abschlussprüfung Englisch? Da fange ich zwei Tage vorher an zu lernen.“, „Job? Da gehe ich morgen hin und frage“. Wie gut muss sich das bitte anfühlen?
Eines meiner Kinder hört gerne „Muse“ und ich kanns total verstehen. Ich hab mir „Origin of Symmetry“ angehört und es kaum 5 Lieder ausgehalten. Dieser Soundteppich erschlägt mich regelrecht, all die Ebenen und dann all die Gefühle, die die Stimme und die Texte übertragen. Puh. Aber ich bin ja auch schon alt und alles an mir ist ausgedünnt: meine Haut, mein Nervenkostüm, meine Haarzellen im Innenohr.
Ich bin dann froh und traurig gleichzeitig. Froh, weil ich nicht mehr so viele Gefühle haben muss und nicht alles so intensiv sein muss und traurig weil es eben nicht so ist und alles relativ gleichbleibend in ruhigen Gewässern läuft.
Wahrscheinlich ist es für meine Kinder unglaublich nervig, aber ich höre ihnen gerne zu und sie sind ein Faszinosum. Ich bestaune und bewundere sie und ich bin wirklich voller Liebe für das, was sie geworden sind. Es wird mir schwer fallen irgendwann ein Alltagsleben ohne sie zu finden. Denn irgendwann werden sie ja ausziehen und dann lese ich nur noch von Teenagern in Zeitungen und amüsiere mich über den Ideenreichtum und das Selbstbewusstsein. Denn ich würde mir nicht zutrauen einen Bus von Mainz nach Karlsruhe zu fahren.
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